Bella beobachtete Alice. Sie wiegte sich leise weinend hin und her. Wisperte hin uns wieder Namen und schluchzte ab und an laut auf. Bella begann ihr über den rücken zu streicheln. Sie hatte sich von ihrem Hysterischen Anfall erholt, musste aber immer noch die Tränen zurück halten. Auch Edward wirkte mitgenommen. Er lehnte an der Wand und fuhr sich immer wieder durchs Haar. Die Augen hielt er geloschen. So fest wie er sie zusammen drückte, sah er bestimmt bereits bunte Kringel. Der Blonde musterte die beiden auf dem Boden sitzenden Frauen ganz ungeniert. Er schien etwas sagen zu wollen, aber es wirkte so, als würden ihm die Worte fehlen. Edward öffnete die Augen und starrte mit leerem Blick in den kleinen, engen Raum. „Früher hatte ich Platzangst.“, eröffnete er. „Aber meine Mom hat mich zu einer Therapie geschleppt. Das war als ich elf Jahre alt war. Es war ein Zauberprojekt in der Middle School. Ich musste in den Kasten, durch die sie die Messer durch schieben. Ich hatte bei den Proben der Durchführung schon Probleme, aber… Es war so schlimm, dass sie endlich einsah, dass ich Hilfe brauchte. Ich wurde schon bei Klokabinen panisch, aber sie dachte nur, ich wollte ihre Aufmerksamkeit erregen. Sie hatte nämlich kaum zeit für mich gehabt, aber das ist eine andere Geschichte. Es war schwer jemanden zu finden, aber natürlich konnten wir jemanden auftreiben.“ Sie alle sahen ihn überrascht an. Alice aus roten mit Tränen verschleierten Augen, Bella mit leicht feuchten Augen und der Blonde sah ihn erstaunt durch seine meerblauen Augen an. „Ich musste auch mal in eine Therapie.“, begann er und blickte betreten zu Boden. „Mein Bruder und ich waren auf den Feldern. Ich bin in Houston, Texas, aufgewachsen. Wir lebten in einer Farm im Vorort. Darren und ich sind täglich auf die Felder gegangen. Wir haben Fangen gespielt, oder wenn alles dicht bestellt war verstecken. Darren war sieben, ich zwölf. Ich musste ihn suchen. Doch ich fand ihn nicht. Plötzlich hörte ich ihn gellend aufschreiben. >>Jasper!<<, rief er. >>Jasper!<< Ich drehte meinen Kopf und lief in die Richtung des Hilfeschreis. Ich kam zu spät. Er hatte sich in einer Kuhle auf dem Feldboden versteckt. Der Mähdrescher hatte ihn übersehen. Ich konnte ihm nicht helfen, ich sah nur noch sein eines Bein. Ich hatte mich noch nie so hilflos gefühlt wie in diesem Moment. Wenn man diesen hier nicht mit einbezieht.“ Er schien sich zu einem lächeln zu zwingen. Die Erinnerung an seinen Bruder musste ihn sehr aufgewühlt haben, aber er schien noch nicht fertig mit dieser tragischen Geschichte. „Ich musste bis ich vierzehn war in einer Spezialtherapie. Meine Eltern gingen bereits davon aus, dass ich schizophren geworden bin. Aber ich wurde mit den Erlebnissen einfach nicht fertig. Ich konnte sie nicht verarbeiten. Mit achtzehn bin ich hier her gezogen. Die Erinnerungen haben mich einfach immer wieder zu schnell eingeholt.“ Er fasste sich gestresst zwischen die Augen, so wie Bella es heute früh im taxe gemacht hatte. Der Morgen schien verdammt weit entfernt. Als lägen Jahre oder mehr dazwischen. Angela machte sich bestimmt sorgen um Bella. Oh, Angela. Bella hielt einen weiteren Schluchzer zurück. Jasper Geschichte hatte sie sowieso schon mitgenommen, aber sie wollten nicht wieder weinen, oder gar einen erneuten hysterischen Anfall erleiden. Überraschenderweise stand die kleine Alice auf und nahm Jasper in ihre Arme, was bei diesem Größenunterschied absurd wirkte. Aber er stieß sie entgegen Bellas Erwartungen nicht ab. Er schlang seine Arme fest um sie und schien Halt an ihr zu suchen. Alice streichelte Jaspers Rücken. Er begann leise zu weinen, auf die Art wie es nur Männer können. Edward sackte auf dem Boden zusammen und schüttelte traurig den Kopf. „Was geschehen ist, ist geschehen.“, murmelte er trübsinnig. „Aber jetzt ist etwas viel Schrecklicheres passiert.“ Bella kniete sich neben ihm und sah ihm in die von den Händen verborgenen Augen. Er spürte ihren Blick und erwiderte ihn. „Was meinst du, Edward?“, hakte sie sanft nach. „Die Menschen im Flugzeug…die Menschen in den betroffen Etagen…die Menschen über der Einschlagstelle…sie alle haben geringere Überlebenschancen. Alle darunter haben es besser. Aber wir…“ Edward brach ab. Jasper löste sich von Alice und sah zu Edward. „Aber wir stecken in einem Fahrstuhl fest, ahnungslos was gerade passiert und betend, dass und jemand rettet. Da meintest du doch Edward, oder?“ Edward sah auf. Es schienen Funken zwischen ihnen zu fliegen, aber Bella konnte sich nicht erklären wieso. „Ja…Das meinte ich wohl.“ Betretenes Schweigen hang in der Luft. Man hörte ihren Atem und Bella meinte sogar Edwards Herzschlag wahrzunehmen. Plötzlich begann Alice wieder wie hysterisch zu kreischen. Sie krallte sich an Jaspers Jackett fest und zog sie beide zu Boden. „Wir sind verloren! Sie werden und nicht finden! Es gibt 99….und wir sind nur in einem! Wir werden sterben. Oder verhungern. Oder verbrennen. Oder mit diesem Gebäude untergehen.“ Sie schrie noch einmal schmerzerfüllt auf und wechselte dann in ein leises Wimmern über. Jasper streichelte ihren rücken und murmelte beruhigende Sachen auf Alice ein. Von seiner vorigen Unfreundlichkeit war nicht mehr da. Er war nicht mehr mürrisch oder genervt. Es schien ihm sogar leid zu tun, wie er sich Alice gegenüber verhalten hatte. Und jetzt wirkte es so, als wolle er sich mit dieser Geste entschuldigen. Als würde das etwas bringen, dachte Bella. Alice hat recht, wir werden alle sterben. Wir werden mit diesem Gebäude untergehen…
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